I. Hagel (2001)
Publikation Nr. 40
In den allermeisten Fällen erhält auch der ökologisch arbeitende Landwirt oder Gärtner einen finanziellen Ausgleich für seine Arbeit über die Menge der von ihm erzeugten Produkte. Denn neue und zukunftsweisende soziale Modelle, wie z.B. die ”Community supported Agriculture” (CSA) im amerikanischen Ökolandbau (1.300 Betriebe innerhalb weniger Jahre!), bei denen ein Umkreis von engagierten Konsumenten für alle Kosten eines Betriebes in gegenseitigen Absprachen einsteht, haben in Deutschland bisher keine Resonanz gefunden. Anders als in der konventionellen Landwirtschaft verfügt der Ökolandbau nur über begrenzte Möglichkeiten, den Ertrag über den Einsatz von organischem Dünger zu steigern. Aus diesem Grunde ist es nur zu verständlich, dass Produktionsfaktoren, die diese quantitative Leistung eines Betriebes verbessern, bereitwillig aufgegriffen werden. Ein Beispiel ist der Anbau von Hybridsaatgut, der allem aufgrund seiner hohen Erträge und vegetativen Vitalität auch im Ökologischen Landbau je nach Kulturart eine immense Verbreitung mit Flächendeckungsgraden bis zu 90 % (nach internen Schätzungen von Praktikern) erreicht hat. Selbst Forschungsgruppen innerhalb des Ökologischen Landbaus befürworten anhand einer Studie über verschiedene Möhrensorten den Einsatz von Hybridsorten bzw. machen die Zukunft samenfester Sorten davon abhängig, dass sie in ihren Leistungen denen der Hybriden gleichkommen (SCHULZ et al. 2000). Und auch die 38 Experten des Ökologischen Landbaus, die das erste Leitbild für eine ökologische Pflanzenzüchtung vorstellen, konnten sich mit Blick auf die Hybridfrage nur zu dem Rat- oder Entschlusslosigkeit demonstrierenden Statement durchringen, dass, falls Hybriden weiterhin zugelassen werden, die Elternlinien über mehrere Generationen unter ökologischen Bedingungen geführt werden sollten (WIETHALER 2000).
Bald nur noch Hybridsorten?
Der steigende Anteil Hybridsaatgut im Sortenkatalog der Gemüsearten (Tab. 1) sowie in den Prospekten der Züchter gibt zudem Anlass zur Sorge, dass eines Tages die Freiheit nicht mehr besteht, eine Sorte zu wählen, die keine Hybride ist. Nicht zuletzt kann das Ziel, eine hohe Nahrungsqualität zu erzeugen, im biologisch-dynamischen Landbau mit Blick auf den Menschen von besonderem Stellenwert, die Frage hervorrufen, ob mit der Wahl von Hybridsaatgut nicht eine Determinierung von Eigenschaften der Pflanze erfolgt, die den Prinzipien und geistigen Leitbildern des biologisch-dynamischen Landbaus widersprechen. Schon bisher wird in den Demeter-Richtlinien vom Anbau von Hybriden abgeraten.
Wachstumsschub aus Inzucht:
Der ökonomisch bedeutsame höhere Ertrag von Hybriden gegenüber samenfesten Sorten hängt mit dem sogenannten Heterosiseffekt zusammen. Details dazu können auch in dieser Zeitschrift nachgelesen werden (MÜLLER 1996). Der Heterosiseffekt beschreibt, dass beim Hybriden die quantitative Ausprägung einer von mehreren Faktoren abhängigen Eigenschaft (also z.B. des Ertrages) die mittleren Eigenschaften seiner beiden Eltern übertrifft. Der Heterosiseffekt ist um so größer, je reinerbiger die beiden Eltern sind. Dazu werden Inzuchtlinien gebildet, in deren Züchtungsgang die sichtbar werdenden unerwünschten rezessiven Eigenschaften ausgemerzt werden können. Schon gegenüber diesem Züchtungsschritt kann man ein Unbehagen empfinden, denn die dazu nötige Selbstung bei Fremdbefruchtern bedeutet nicht nur eine ausgesprochen künstliche Einengung der natürlichen Befruchtungsvorgänge, sondern führt auch zu verkümmerten Pflanzengestalten (Inzuchtdepression, siehe Abb. 1)
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Abb. 1: Kümmerwuchs durch Inzuchtdepression bei Mais (Mitte) im Vergleich zur gesunden Elternlinie (links im Bild). Foto: Michael Fleck |
Die Bildung von Hybridsaatgut erfolgt erst über einen weiteren Züchtungsschritt, indem zwei Inzuchtlinien miteinander gekreuzt werden. Auch die dabei zu beachtenden züchtungstechnischen Maßnahmen (Erzeugung einer cytoplasmatischen Pollensterilität des einen Elters - CMS, Bereitstellung von Linien mit Maintainer- und Restorer-Eigenschaften zur Erhaltung der Inzuchtlinien sowie Überwindung der Pollensterilität) sind künstliche Maßnahmen, die die lebendigen Fortpflanzungsvorgänge aus ihrem natürlichen Zusammenhang herauslösen. Weiter steht zu befürchten, dass in naher Zukunft die Vermehrung (auch) von Hybriden verstärkt über synthetisches Saatgut erfolgt. Dabei wird die generative Phase der Pflanze (Blühen, Bestäubung) umgangen und der Embryo für den neuen Planzenkeim vegetativ aus gewöhnlichen Zellen des pflanzlichen Gewebes gezogen (STEINER und KRUSE 2000). Selbst wenn er wollte, hätte der Landwirt keine Chance, diese komplizierten (und fragwürdigen) technischen Vorgänge selbst durchzuführen. Er wird abhängig von der Züchtungsindustrie und muss jedes Jahr neues Hybridsaatgut zukaufen. Zwar ist der Nachbau von Hybridsaatgut möglich, aber wegen des Verlustes der besonderen produktiven Eigenschaften sowie der stattfindenden Aufspaltung in unterschiedliche Pflanzentypen ökonomisch uninteressant.
Auf der anderen Seite sind die Bestrebungen der Züchtungsunternehmen verständlich, sich den Ertrag ihrer finanziell aufwendigen geistigen Arbeit zu sichern, indem auf diese Weise ein Nachbau ohne Lizenzgebühr an den Züchter unterbunden wird. Eine befriedigende Lösung dieser Frage, die keine wissenschaftliche sondern eine soziale ist, gehört zur Lösung des Hybridsaatgutproblems dazu.
Wüchsig - aber was heisst das für die Qualität?
Die ausgeprägte vegetative Leistung der Hybriden zeigt sich vor allem in höheren Erträgen, aber auch in einer gesteigerten Vitalität beim Überwachsen von z.B. Hagelschäden sowie einheitlicherer Abreife, was beim Kohl z.B. zur Erntevereinfachung führt. Wertprüfungen des Bundessortenamtes, unter Bedingungen des konventionellen Landbaus, weisen für die biologisch-dynamischen Züchtungen Robila und Rodelika mit Erträgen von 573 und 619 dt/ha marktfähiger Ware ein erheblich niedrigeres Produktionspotential aus als die Hybridsorten mit 777 – 836 dt/ha (HEINE 2000), da scheint die Sortenwahl auch für den biologisch-dynamischen Praktiker nicht schwerzufallen. Auch Feldversuche mit Möhren unter den Bedingungen des Ökologischen Landbaus an zwei Standorten Hessens ergaben für die Gruppe der Hybridsorten um 65 bzw. 103 dt/ha signifikant höhere Erträge an marktfähiger Ware (FLECK et al. 2001). Die für beide Standorte stärkere Blattentwicklung der Hybriden gegenüber den samenfesten Sorten dieser Untersuchung bestätigt die Betonung vegetativer Merkmale dieser Züchtungsprodukte, ebenso wie deren höhere Verhältnisse Monosacchariden zu Disacchariden (FLECK 2000). Eine Untersuchung von Sommer- und Herbstmöhren (samenfeste Sorten, Sorten biologisch-dynamischer Züchter sowie Hybriden) bestätigte sowohl mit analytischen als auch mit bildschaffenden Methoden das geringere Leistungsniveau der Hybriden hinsichtlich qualitativer Parameter wie der Gehalte an Trockenmasse, Nitrat, Mineralstoffen und Zuckern sowie Reife-, Entwicklungs- und Vitalitätsparametern (HAGEL et al. 2000).
Unter den Getreidearten sind Hybriden nur beim Roggen seit längerem bekannt. Erst seit drei Jahren ist mit Hybnos 1 der erste Weizenhybride auf dem Markt. In mehrjährigen Sortenversuchen mit Roggen unter biologisch-dynamischen Anbauverhältnissen brachten die Hybridsorten im Mittel um 33 – 35 % höhere Erträge als die Populationssorten, bedingt vor allem durch eine höhere Anzahl Körner/Ähre (MÜLLER o. Jahr, 1996). Diese Hybriden waren deutlich grüner, wiesen höhere Chlorophylldichten der Fahnenblätter auf und waren länger photosynthetisch aktiv. Müller (1996) weist darauf hin, daß die Hybriden damit stärker stoffwechselbetont sind, während Differenzierungs- und Reifungsvorgänge zurücktreten.
Was vermitteln Hybriden in der Ernährung ?
Mit den Hybridsorten werden im Ökologischen Landbau solche Pflanzentypen angebaut, wie sie unter den Verhältnissen einer vor allem mineralischen N-Düngung auftreten. Damit ist über die Hintertür der Züchtung ein vegetativer Impuls im organischen Landbau vertreten, dem der Zutritt über das Hauptportal der Düngung mit Recht verwehrt wurde. Die mit einem gesteigerten Massebildungsvermögen der Pflanzen in Zusammenhang stehenden negativen Auswirkungen auf die Nahrungsqualität wurden von mir verschiedentlich diskutiert (HAGEL 1992, 1998, 2001 a und b).
Der Mensch ernährt sich demnach nicht nur von den Stoffen, sondern auch von Kräften. Diejenigen Wachstumskräfte der Pflanze (beziehungsweise des Erdorganismus), an die vor allem die mineralische N-Düngung aber auch die Wachstumssteigerung durch Hybridsaatgut appellieren, stehen in Beziehung zu den vom Kopf ausgehenden Wachstumskräften des Menschen. Sie sind auch die Grundlage der an die Sinne gebundenen Verstandeskräfte des gewöhnlichen Bewusstseins. Diese Art des Denkens hat aber nicht für sämtliche Lebensgebiete eine Berechtigung. Es ist aufgrund seines Ursache-Wirkungs-Prinzips eher vergangenheits- als zukunftsorientiert. Intuitive Lösungen, ideelle Wahrnehmungsfähigkeit und der Wille, diese Ziele zu verwirklichen, werden aber nicht durch den Verstand (z.B. einer Kosten-Nutzen-Analyse) getragen. Ohne einen geistigen Pionierwillen für etwas Zukünftiges gäbe es heute keine Friedensbewegung, keine Anti-Minen-Konvention, keinen Umwelt- und Naturschutz etc. ......... und keinen Ökologischen Landbau. Die Nahrungsqualität ist von Bedeutung nicht nur für das körperliche Gedeihen, sondern auch für die geistig-seelische Konstitution des Menschen. Daher meine ich, dass der Anbau von Hybridsorten nicht dem geistigen Leitbild für Demeter-Produkte entspricht. Ebensowenig entspricht die Einengung der Formenvielfalt von Hybridsorten, ihre Uniformität diesem Leitbild. Denn wenn man Ausführungen Rudolf Steiners zu polaren Erscheinungen in der Natur und deren Bezug zu den ebenso polaren geistig-seelischen Qualitäten des Menschen ernst nimmt (STEINER 1916), ist von diesem Charakteristikum der Hybriden eine weitere Tendenz zur Vermittlung starrer Verstandeskräfte durch die Nahrungsqualität zu erwarten (HAGEL 2001 c).
Hybridsaatgut täuscht Fruchtbarkeit vor
Es ist sicher nicht einfach, die Eignung der zahlreichen und meistens komplizierten modernen Züchtungstechniken für eine ökologische Pflanzenzüchtung zu beurteilen. Aber die Einschätzung einer Fachgruppe zu diesem Thema, wonach Hybriden zum Ökologischen Landbau passen ”wenn es landbauliche Verbesserungen mit sich bringt und keine vergleichbaren saatfesten Sorten vorhanden sind” (LAMMERTS van BUEREN et al. 1998) bedarf meines Erachtens für den biologisch-dynamischen Landbau einer Korrektur. Viele Praktiker und Forscher des Ökolandbaus werten Eigenschaften der Hybriden wie Wüchsigkeit und Mehrerträge zweifellos als eine ”landbauliche Verbesserung”. Jedoch ist diese nur kurzfristig induzierte ”Leistung” weder das Verdienst des Landwirtes selbst, noch hat sie etwas mit den Zielen und Idealen des biologisch-dynamischen Landbaus zu tun: Es ist nicht im Sinne der Mehrung von Fruchtbarkeit aus den lebendigen Kräften des Bodens und des Betriebes wenn man das Pflanzenwachstum durch eine Inzuchtdepression (s. Abb. 1) in eine Art unterdrückter Spannung versetzt, von deren Ent-Spannung nach Kreuzung zweier solcher Inzuchtlinien man nur ein einziges Mal profitieren kann, weil alle künstlich aufgeblasene Wüchsigkeit und ”Fruchtbarkeit” danach in sich zusammenfällt. Und wenn immer erst ”vergleichbare saatfeste Sorten vorhanden” sein müssten, würde es niemals zu einem Anbauverbot dieser Züchtungsprodukte kommen, denn welche samenfeste Sorte kann sich schon mit dem Ertragsniveau sowie der Uniformität der Hybriden messen?
Rudolf Steiner weist an mehreren Stellen im ”Landwirtschaftlichen Kurs” auf Gefahren hinsichtlich der Qualität der Produkte hin, ”wenn man durch irgendeine Maßnahme (dazu zählen neben den Düngungs- auch die Züchtungsmaßnahmen, Anmerkung I.H.) augenblicklich große Erfolge erzielt, große Kartoffeln hat, etwas hat, was Größe hat, was anschwillt.” ...Auch ”handelt es sich doch darum, daß man sich nicht betrügt, indem man irgend etwas Großes und Aufgeplustertes hat, sondern daß man es konsistent in sich mit wirklicher Nährkraft hat” (STEINER 1924). Diese Aussagen können als Bestätigung der oben geschilderten Ideen verstanden werden. Auch deshalb halte ich die Verwendung des wachstums- und ertragsbetonten Hybridsaatgutes für den biologisch-dynamischen Landbau für nicht akzeptabel.
Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass der Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise und damit Demeter als erster und einziger ökologischer Anbauverband initiativ geworden ist und den Anbau von Hybridsorten im Getreidebau (Ausnahme noch Mais) untersagt hat. Jetzt käme es darauf an, nicht zu lange zu warten und sich auch für den Gemüsebereich auf ein Anbauverbot für Hybridsorten zu einigen. Ein solcher Schritt ist durchführbar, weil es (noch) keine Gemüseart gibt, für die es kein samenfestes Saatgut mehr gibt. Die Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise wird nur dann auch als wirtschaftliche Institution mit der Marke DEMETER eine Zukunft haben, wenn sie ihren geistigen Ansatz nicht allein in der internen Arbeit entwickelt, sondern - auch wenn es manchmal unbequem ist - nach außen vertritt.
Sorte kennzeichnen
Die Landwirte, die auf die ertragreicheren Hybriden verzichten und dieser künstlichen ”Fruchtbarkeit” ihr landwirtschaftliches Können entgegensetzen, verdienen nicht nur Anerkennung, sondern aktive Unterstützung, ebenso wie die diversen ökologischen Saatgutinitiativen. Man kann nicht unbegrenzt deren Engagement erwarten. Mit Blick auf den Konsumenten sollten deshalb Gemüse, die nicht aus Hybriden gezogen sind, eine besondere Kennzeichnung erfahren, und es sollte (z.B. beim Kauf in einem kurzen Beiblatt oder auf dem Schild) darüber informiert werden. Mit Blick auf ein Angebot von Gemüse aus samenfesten Sorten ist besonders der Großhandel gefordert. Denn die Verbraucherschaft, die lieber die bekannte biologisch-dynamische Möhrenzüchtung Rodelika anstelle einer Hybridsorte erwerben möchte, wird weiterwachsen. Die Angabe der Sorte ist bei Kartoffeln und Äpfeln im Lebensmittelhandel selbstverständlich. Im Ausloben der Sorten liegt eine Chance zum Nutzen der ganzen Sache, die Verbreitung von Gemüse aus samenfesten Sorten voranzutreiben.